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Unter Bauern - Retter in der Nacht


Nächstenliebe im Münsterland

Christian Gertz  

Auch im stolzen Alter von 97 Jahren wird Marga Spiegel nicht müde, den Menschen von ihrem bewegten Schicksal zu erzählen. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, hält Vorträge an Schulen. "Wir leben in einer Zeit, in der es immer weniger Zeitzeugen gibt. Und die Menschen müssen, gerade heute, immer wieder an die schrecklichen Geschehnisse erinnert werden." hatte sie den aufmerksam lauschenden Journalisten auf der Pressekonferenz in Münster in die Mikrophone gesprochen. Ihre Geschichte dürfte - auch durch zahlreiche Auftritte in diversen Talkshows – mittlerweile hinlänglich bekannt sein.

Um mit ihrer Geschichte noch mehr Menschen zu erreichen, hat die Zeitzeugin dem deutschen Einschaltquoten-TV-Star Veronica Ferres ihren Namen geliehen, auch, um nun im letzten Glied der Verwertungskette - im Kino – ihre Geschichte erzählen zu können. Frau Ferres soll dabei angeblich auf eine hohe Gage verzichtet und jahrelang für die Finanzierung des Projekts gekämpft haben. Mittlerweile sollen die beiden Frauen - wie auf der Deutschland-Premiere beeindruckend vorgetragen - echte Freundinnen sein. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auf der Leinwand gibt sich Veronica Ferres, die von wesentlich größerer Statur ist als ihr "Original", große Mühe, Leiden, Angst und Hunger mit ihrem Spiel zu transportieren. Auch wenn sie auf reichlich Schminke verzichtet hat, eine verfolgte Jüdin mit adligen Wurzeln, die um ihr Ansehen kämpft, nimmt man ihr zu keiner Minute Spielzeit ab.

Insgesamt geht es sehr TV-familiär auf der großen Leinwand. Stets im Schatten von Frau Ferres agiert ein heftig um Authentizität bemühter Armin Rohde als Ehemann „Menne“ mit reichlich Verve, auch dessen Retter-Freunde Martin Horn und Veit Stübner geben sich große Mühe, westfälischen Bauern-Charme überzeugend auf die große Leinwand zu wuchten. Unterm Strich wird ihnen hier jedoch nicht mehr abverlangt, als mit ihrem Spiel westfälische Nächstenliebe auszudrücken. Das ist die Essenz des Buches von Marga Spiegel. Darum sollte es auch imFilm gehen. Um politische Gesinnung und Widerstand geht es hier auch nur am Rande. Doch letztendlich gelingt es nur den Nebendarstellerinnen Margarita Broich als Mutter Aschoff und Lia Hoensbroch als Anni Aschoff den juvenilen westfälischen Charme einer Bauernfamilie in den 40er Jahren überzeugend zu verkörpern.

Alle TV-erprobten Darsteller tragen dennoch eine große unsichtbare Last auf ihren Schultern: sie agieren hier nicht in einer Kino-Produktion, sondern bestenfalls in einer mittelmäßigen TV-Produktion. Kino-Zuschauer, die eine teure Kinokarte lösen, sollten das bedenken, eine stringente Handlung gibt es nicht, auch kein Drehbuch, wohl aber ein Bilderbuch, das ein Klischee an das andere reiht, wobei darauf geachtet wird, dass nichts wehtut. Verkleidete Darsteller mit "Verfolgten-Blick" in einer Phantasialand-Kulisse.

Besonders schlimm wird es, wenn zwei weiß gekleidete Bombenentschärfer ins Bild huschen – unangekündigt - einer von ihnen humpelt, weil er wohl beim Bombenentschärfen ein Bein verloren hat. Sie suchen einen Blindgänger, finden und entschärfen ihn. Bedrohliche Musik steigert sich zu einem bedrohlichen Crescendo und die Leinwand bebt vor Furcht. Es geschieht. Einfach so. Eine der bedrohlichsten Szenen von „Unter Bauern“. Das kratzt haarscharf am kultigen Trashpotenzial. Welchen Blick verfolgt der Regisseur, aus welchen Augen wird der Film erzählt? Der Film erstickt an seinen hohen Ambitionen und an seiner Nüchternheit im Umgang mit dem Sujet. Schade.

Auf der Homepage des Filmverleihs sind bis heute keine Pressestimmen zum Film zu lesen. In anderen Fällen ein Aushängeschild - hier lässt man diese, bis auf vielleicht einige Lobhudeleien aus Deutschlands größter Tageszeitung, besser weg.

Dass es auch anders – und auch viel besser - geht zeigt der mehrfach (darunter mit der Goldenen Palme in Cannes) ausgezeichnete Film "Das weiße Band" von Michael Haneke, der am 15. Oktober in den deutschen Kinos anlaufen wird. Auch hier geht es um eine Familie in ländlicher Umgebung. Diese Geschichte wird allerdings aus Sicht der Kinder erzählt und ist in den Jahren 1913/1914 angesiedelt.

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